Warum ich Stillberaterin wurde – meine Stillgeschichte

stillen

Eigentlich hatte ich vor 3 Monate voll zu stillen und dann unter Beikosteinführung bis zum Ende des 6. Monats abzustillen. Warum? Weil ich es einfach nicht besser wusste. Meine Schwester stillte während meiner Schwangerschaft ihre zu dem Zeitpunkt gerade 8 Monate alte Tochter noch etwa zweimal am Tag und ich empfand dies ehrlich gesagt als – ich drücke es mal nett aus – nicht normal. Ich konnte es nicht verstehen, wie man nur noch Mutter sein kann, sich selbst völlig aufgeben kann. So langsam wäre es doch mal an der Zeit das Kind auch mal bei Oma abzugeben,…

es kam alles ganz anders als geplant und ich könnte gar nicht glücklicher darüber sein

Hatte…
Denn es kam alles ganz anders als geplant und ich könnte gar nicht glücklicher darüber sein.
Zum Glück war ich schon vor meiner Schwangerschaft vollkommen davon überzeugt, dass jede Frau stillen kann, ist es doch eins der natürlichsten Dinge auf der Welt. Wäre es anders gewesen, hätte ich wahrscheinlich aufgegeben. Denn unser Start war alles andere als leicht.
Nach einer sehr traumatisierenden Geburt, die den Geburtstag meines Sohnes zu dem schlimmsten Tag meines Lebens werden lies, (meinen Geburtsbericht findest du hier) nahm das Unheil seinen Lauf. Völlig fertig und kaputt von der Geburt und durch mein Vertrauen in die Natur vollkommen uninformiert, kam etwa eine Stunde nach der Geburt die Kreißsaalschwester und fragte, ob mein Sohn denn schon gestillt hätte. Nein das hatte er nicht, er hatte noch nicht mal die Augen geöffnet und war einfach genauso fertig und von meinen Infusionen betäubt wie ich. Dies nahm die Schwester zum Anlass mit einer Spritze voll Pre wiederzukommen, die ich ihm sofort einflößen sollte, da sonst eine lebensgefährliche Unterzuckerung drohen würde. Dass mein Kind immer gelber wurde, interessierte niemanden und dass dieser Umstand sehr gefährlich für meinen Sohn war, erfuhr ich erst einige Zeit später. Im Nachhinein weiß ich, dass er eine starke Neugeborenengelbsucht hatte.

Und ich? Ich weinte…

Auf der Wöchnerinnenstation ging es weiter. Mein Sohn war weiterhin sehr müde und ließ sich einfach nicht anlegen, mein Mann fuhr nach der langen Nacht für ein paar Stunden nach Hause um ein bisschen zu schlafen. Und ich? Ich weinte… ich weinte um die Geburt, um das Kind in meinem Bauch, das mir einfach entrissen wurde und um das Kind in meinem Arm, das ich einfach nicht mit meinem Baby, dass ich 9 Monate unter dem Herzen getragen hatte in Verbindung bringen konnte. Ich weinte, weil ich wohl nicht nur zu blöd war, mein Kind alleine auf die Welt zu bringen, sondern anscheinend auch noch zu blöd zum Stillen war. Und ich schaffte es einfach nicht ihn anzulegen und mein Sohn schlief und schlief.

mit ihrer Brust wird das eh nichts

In der zweiten Nacht, das war mittlerweile ca 40 Stunden nach der Geburt, wurde mein Sohn langsam wach, er hörte auf Fruchtwasser zu spucken und wollte endlich stillen. Aber er konnte meine Brust nicht fassen. Ich rief die Nachtschwester, die die erste war, die vorsichtig mein Kind an meine Brust bekommen hat und ich weinte wieder. Auf die Art der Schwester schaffte ich es in einem von fünf Fällen endlich ihn alleine anzulegen, doch meine Brustwarzen waren bis zum nächsten Tag so wund, offen und blutig, ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist. Mir wurde die Stillbeauftragte der Klinik, eine IBCLC Beraterin vorbeigeschickt. Diese blickte in ihre Akte und meinte: ” hier steht, sie füttern zu”,  äh nein…. ! “ach, na dann streiche ich das. Hier sind Stillhütchen, aber mit ihrer Brust wird das eh nichts” und weg war sie. Ich war verzweifelt, mein Kind spuckte Blut weil meine Brustwarzen so offen waren und ich hatte Schmerzen,… überall. Ich schrieb meinem Mann, er solle bitte den Schnuller mitbringen, den wir in der Schwangerschaft geschenkt bekommen haben und nie benutzen wollten. Ich konnte nicht mehr.

Warum hilft mir keiner?

Langsam wurde mir klar, dass hier irgendwie alles schief lief und so entließ ich mich gegen den Willen meines Arztes und der Hebamme am dritten Tag selbst.
Zuhause wurde es nicht besser, ich kämpfte nicht nur mit dem Babyblues, sondern mit einer ausgewachsenen Wochenbettdepression. Ich war die ersten drei Monate sowohl körperlich als auch seelisch weder in der Lage meinen Sohn zu tragen, noch ihn selbst zu wickeln oder mich sonst irgendwie um ihn zu kümmern. Aber ich habe gestillt, ich hatte ihn den ganzen Tag auf meiner Brust liegen und mein Mann und ich haben es immer und immer wieder versucht diese Stillhütchen weg zu bekommen. Meine Hebamme meinte immer nur: ” Ach er soll mal ein paar Wochen so trinken und wenn ich das dann immer noch will, können wir es ja probieren.” Ich hatte aber von der Gefahr einer Saugverwirrung gelesen und war verzweifelt. Warum hilft mir keiner? Mein Mann ergoogelte irgendwann eine Möglichkeit, wie wir unseren Sohn vielleicht doch noch ohne Stillhütchen an die Brust bekommen könnten. Das Problem an Google ist: wenn man nicht genau weiß wonach man suchen muss, findet man ziemlich viel Mist. Im Nachhinein weiß ich, dass wir mehr Glück als Verstand hatten und dass wir mit der Methode ” Brust mit Gewalt in den Mund stopfen” eher das Gegenteil hätten erreichen können. Aber wir hatten Glück und so konnte ich meinen Sohn nach ca 4 Wochen endlich ohne Stillhütchen stillen.
Mit dem Stillen klappte es von da an, mit zwischenzeitlichen Tiefs wie falschem Andocken oder beißen beim Zahnen, wirklich gut und ich traute mich auch immer mehr außerhalb meines Zuhauses zu stillen. Nur dieser blöde Schnuller… Mein Sohn hatte ein sehr starkes Saugbedürfnis (hat er ehrlich gesagt immer noch) und ich fühlte mich psychisch einfach nicht in der Lage diesem Bedürfnis in dem Ausmaß nachzukommen. Bei dem kleinsten Meckern steckte ich meinem Kind den Schnuller in den Mund, gleichzeitig war es jedes mal ein Stich ins Herz ihn mit selbigen zu sehen, für mich kam es einem Versagen gleich.
Als mein Sohn dann fast 3 Monate alt war und nach meinem ursprünglichen Plan eigentlich langsam Zeit für Beikost und Abstillen war, war ich so überhaupt gar nicht bereit dafür. Ich sah dieses kleinen Würmchen in meinem Arm und mir war bewusst, dass so frühe Beikosteinführung und keine Muttermilch mehr, nicht wirklich gut und natürlich sein kann. Und so erkundigte ich mich so viel ich konnte und stieß auf die Beikostreifezeichen, auf die Empfehlung der WHO 6 Monate voll zu stillen und unter Beikosteinführung bis zum Alter von 2 Jahren und darüber hinaus weiter zu stillen, solange Mutter und Kind es wollen. Und war erleichtert. Ich musste nicht abstillen, im Gegenteil. Ohne diesen Beikostdruck fing ich an das Stillen endlich zu genießen. Als mein Sohn mit etwa 6 1/2 Monaten alle Beikostreifezeichen erfüllte, starteten wir schließlich mit geeigneten Lebensmitteln vom Familientisch.

Das war unsere Chance

Mit 8 Monaten bekam mein Sohn dann seine ersten Zähne und biss ein Loch in den Schnuller, dadurch konnte er nicht mehr dran nuckeln und spuckte ihn bei jedem Versuch aus. Das war unsere Chance. Wir kauften einfach keinen neuen Schnuller. Gleichzeitig fiel mein Sohn eines Nachts aus seinem Beistellbett. Es war wohl nicht richtig fest gemacht und durch die neue Bewegungsfreiheit (er fing zu der Zeit auch zum Krabbeln an) rutschte das Bett nachts weg und er rutschte zwischen Bett und Beistellbett. Ich war so geschockt, dass ich ihn nicht mehr im Beistellbett schlafen lassen wollte (in dem er eh sehr selten lag, er schlief nämlich seit der Geburt auf der Brust von seinem Papa). So lag er fortan immer neben mir, der Schnuller war weg und er konnte endlich wirklich nach Bedarf stillen. Damals fasste ich den Entschluss Stillberaterin zu werden, von deren Existenz ich mittlerweile erfahren hatte, um anderen Müttern helfen zu können.
Das folgende dreiviertel Jahr brachte mich nochmal stark an meine Grenzen. Mein Sohn wurde in dieser Zeit alle halbe Stunde bis Stunde wach und wollte stillen. Ich kann zwar beim Stillen dösen, aber ich schaffe es bis heute nicht dabei zu schlafen. So ging ich irgendwann wirklich auf dem Zahnfleisch. Es gab viele Nächte, in denen ich weinend im Bett lag und ernsthaft übers Abstillen nachdachte. Durch die Liebe und absolute Unterstützung meines Mannes habe ich es jedoch zum Glück immer wieder geschafft weiter zu machen. An dieser Stelle möchte ich dem besten Mann der Welt meinen Dank aussprechen. Schatz, ich weiß nicht, was ich ohne dich getan hätte.
Mittlerweile ist mein Jamie 3 1/2 Jahre alt, Milchmahlzeiten ersetzt hat er erst vor 5 Monaten, als schwangerschaftsbedingt leider nicht mehr so viel Milch kam. Das letzte Jahr hatte er immerhin noch min 6 mal am Tag und 4 mal Nachts gestillt.Mittlerweile gibt es wenige Nächte in denen er die zweite Nachthälfte durchschläft, meistens wachst er aber noch ein bis zweimal auf und auch nächtliches Dauerstillen gibt es noch, wenn auch selten. Ich kann also endlich wieder schlafen…ein paar Wochen, denn dann wird unser zweites Baby geboren.

Ich genieße die Kuschelzeit mit meinem Sohn sehr

Das Stillen ist Jamie nach wie vor sehr wichtig, er kommt tagsüber oft zum Kuscheln und einfach nur bisschen Nuckeln und auch zum Trösten und zum Einschlafen geht nichts anderes.
Aber das ist ok, ich genieße die Kuschelzeit mit meinem Sohn (meistens) sehr und er wird stillen solange er es möchte. Die Zeit wird im Nachhinein eh viel schneller vorbei sein als gedacht, wenn ich nur daran denke wie schnell die letzten 3 1/2 Jahre vergangen sind.

Anderen Müttern zu helfen ist mir eine richtige Herzensangelegenheit geworden

Ich habe seit der Geburt meines Sohnes viel gelernt und konnte auch schon viel an andere Mütter weitergeben. Anderen Müttern zu helfen ist mir eine richtige Herzensangelegenheit geworden und wenn ich sehe, wo ich mit meiner Familie und unserer ganzen Beziehung heute stehe, bin ich überwältigt. Das hätte ich nach der Geburt meines Sohnes nie für möglich gehalten.
Und noch etwas habe ich gelernt: Eine Mutter gibt sich nicht auf, nur weil sie auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingeht und natürlich ist eine Mutter noch Frau, aber eben auch Mutter und es gibt nichts was ich lieber wäre.

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  1. Interesssanter Post, ich bin gespannt wie es bei meiner Tocher wird. So lange wie du, werde ich aber nicht stillen, da ich ja nach 12 Monaten wieder arbeiten gehe. Aber ich finde es schon gut 6 Monate voll zu stillen.

    Liebe Grüße
    Fio

    1. Mit 6 Monaten voll stillen ist schon extrem viel gewonnen. Abstillen muss allerdings auch wenn man arbeitet nicht sein. Die Kinder verstehen sehr gut, dass es keine Milch gibt wenn Mama nicht da ist und essen und trinken in der Zeit etwas anderes. Wenn Mama dann verfügbar ist holen sie sich ihre Milch und ihre Kuscheleinheiten.

    2. Hallo liebe Flo,

      Ich habe auch nach 12 Monaten wieder angefangen zu arbeiten (2 oder 3 Tage die Woche zu je 8 Stunden). An meinen Arbeitstagen war ich immer 10 bis 11 Stunden von zuhause weg. Ich hatte an meinem Arbeitsplatz die Möglichkeit abzupumpen. Mein Sohn stillte nachts, morgens und abends wenn ich zuhause war, die restliche Zeit aß oder trank er Beikost/abgepumpte Milch/Wasser. An meinen freien Tagen stillte er nach Bedarf.

      Heute ist mein Sohn 2 Jahre und 7 Monate alt und wir stillen immer noch morgens, abends und ab und zu nachts. Wenn ich abends mal nicht da bin, geht er ohne Milch ins Bett. Er möchte weder abgepumpte noch Kuh- oder Soyamilch.

      Arbeiten gehen bedeutet nicht daß Du abstillen mußt. Stille solange es sich für Dich und Deine Tochter richtig anfühlt.

      Liebe Grüsse.

      Marianne

  2. Wir hatten auch einen nicht ganz so leichten Start… sehr schnelle Geburt, direkt danach musste ich unter Narkose zusammengeflickt werden.
    Sehr leichtes Kind und ein Krankenhaus das gerne und schnell zufüttert…
    Dann wurde mir die Pumpe hingestellt weil ich stillen wollte, das war es da dann auch mit Unterstützung.
    Meine Hebamme war im Urlaub, die Vertretung hat mich einfach weiter Pumpen lassen “mach das mal in Ruhe mit deiner Hebamme”, sie gab mir dann für den Übergang ein Stillhütchen weil die Kleine die Brust einfach nicht wollte. Mit 4 Monaten wurden wir es endlich los, sonst würde ich mit einem Jahr wahrscheinlich nicht mehr stillen.
    Ich bin froh das es bei uns geklappt hat und bin wirklich schockiert wie wenig wissen im Krankenhaus vorhanden war.
    In einem Stilltreff habe ich eine Stillberaterin (und einige Freundinnen) gefunden die uns wirklich geholfen hat, allein durch ihren ruhige entspannte Art, ganz ohne Druck und mit viel Vertrauen in uns als Stillteam als ich es nicht aufbringen konnte.

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