Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft – Sinn und Alternativen: Urinuntersuchung

Schwangerschaft ohne Vorsorge

Spätestens wenn sie den positiven Schwangerschaftstest in der Hand halten rufen die meisten Frauen den Gynäkologen oder eine Hebamme an um einen Termin für die erste Vorsorgeuntersuchung zu machen. Diese wird sich dann bis zum Ende der Schwangerschaft noch einige male sehr ähnlich wiederholen. Anfangs alle 4 Wochen, später alle 2 Wochen und sollte die werdende Mutter über den errechneten Entbindungstermin hinausgehen sogar alle zwei Tage bis jeden Tag.

Aber was für Untersuchungen gibt es überhaupt? Welche zahlt die Krankenkasse und welche sind so genannte IGEL Leistungen? Nach was wird bei diesen Untersuchungen eigentlich genau geschaut? Und vor allem: Wie sicher sind die Ergebnisse und welche Alternativen habe ich?

Alle diese Fragen möchte ich dir ab heute, in einer Artikelreihe in der ich regelmäßig weitere Untersuchungen innerhalb der Vorsorgeuntersuchungen vorstellen werde, beantworten.

Beginnen möchte ich heute mit der wohl typischsten aller Vorsorgeuntersuchungen, der Urinuntersuchung. Keine Anmeldung beim Frauenarzt endet ohne dass die werdende Mama nicht einen Becher in die Hand gedrückt bekommt. Und auch bei der Vorsorge bei einer Hebamme ist die Urinuntersuchung bei jedem Besuch Standard.

 

Urinuntersuchung

Doch auf was genau achtet der Frauenarzt oder die Hebamme bei der Urinuntersuchung?

Der Urin wird auf bestimmte Bakterien, Zucker, Eiweiß und Leukozyten (weiße Blutkörperchen) getestet.      All diese Parameter können Anhaltspunkte für Harnwegsinfekte, Nierenprobleme, eine Schwangerschaftsdiabetes oder sogar für eine mögliche Präeklampsie (eine so genannte Schwangerschaftsvergiftung) liefern.

 

Bakterien

Bei der Urinuntersuchung in der Schwangerschaft wird unter anderem nach bestimmten Bakterien gesucht, die sich bei etwa 2 bis 15 % finden lassen. In den allermeisten Fällen verursachen diese Bakterien aber keinerlei Beschwerden und verschwinden mit der Zeit von selbst wieder. Das nennt man dann eine asymptomatische Bakteriurie.

Manchmal kommt es allerdings aufgrund der vorhandenen Bakterien zu einer Harnwegsinfektion. Zunächst kommt es meist nur zu einer Entzündung der Harnröhre und Blase.

Dies äußert sich in den meisten Fällen durch

  • verstärkten Harndrang, auch wenn die Blase leer ist
  • und Schmerzen beim Wasserlassen

Wenn die Keime höher steigen kann es zu einer Entzündung der Harnleiter und Nieren kommen. Typische Symptome hierfür sind:

  • Schmerzen in der Nierengegend
  • Fieber
  • Übelkeit und Erbrechen

Unbehandelte Harnwegsinfekte in der Schwangerschaft können in sehr seltenen Fällen schwere Komplikationen wie eine Sepsis (Blutvergiftung) nach sich ziehen. Auch ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten wird ihnen zugeschrieben

Um diesen mitunter lebensgefährlichen Komplikationen vorzubeugen, bekommen alle Schwangeren bei denen Bakterien im Urin festgestellt wurden (das heißt auch all jene die keinerlei Beschwerden haben), automatisch Antibiotika zur Vorsorge.

Ob das automatische Screening nach Bakterien im Urin und vor allem die prophylaktische Antibiotikagabe überhaupt Sinn macht ist mittlerweile sogar bei Ärzten umstritten. Fakt ist, dass unnötige Antibiotika definitiv mehr schaden als Bakterien die keine Beschwerden verursachen.

Fakt ist auch, dass man eventuelle Infektionen zum Beispiel an oben genannten Symptomen gut erkennen und sie in dem Falle problemlos behandeln lassen kann.

 

Zucker

Ein weiterer Parameter der bei der Urinuntersuchung gemessen wird, ist der Zuckergehalt.

Über 50% der schwangeren haben immer wieder mal Zucker im Urin. Zucker im Urin ist also erst mal weder unnormal noch besonders schlimm. Wenn dies allerdings öfter vorkommt kann es es ein Hinweis auf Schwangerschaftsdiabetes sein. Schwangerschaftsdiabetes entwickelt sich ca. bei 2 bis 12 % aller Schwangeren und verschwindet nach der Geburt von alleine wieder.

Für die Frau selbst in ein Schwangerschaftsdiabetes nicht gefährlich und er verläuft meist symptomlos bis symptomarm. Das heißt, dass man nicht mit Symptomen wie häufigen Wasserlassen oder starkem Durst rechnen kann wie bei einem Diabetes Mellitus. Für das ungeborene Kind kann er allerdings durchaus gefährlich werden.

Um den Blutzucker zu stabilisieren reicht in den meisten Fällen eine Ernährungsumstellung, reicht dies nicht aus ist eine Insulinbehandlung notwendig.

Bleibt ein Schwangerschaftdiabetes unerkannt und somit unbehandelt kann es zu einer starken Zunahme der Fruchtwassermenge (Hydration) und einem verstärktem Wachstum des Kindes (Makrosomie) kommen. Gleichzeitig tritt eine Entwicklungsverzögerung, vor allem die der Lungenreife ein.

Allerdings ist die Urinuntersuchung auf den Zuckergehalt nicht sehr aussagekräftig. Vor allem im letzten Schwangerschaftsdrittel schütten die Nieren oft Zucker über den Urin aus, wobei die Blutzuckerwerte im Blut völlig normal sind. Gleichzeitig wird Zucker erst bei sehr hohen Blutzuckerwerten über den Urin ausgeschüttet, wodurch ein Gestationsdiabetes erst sehr spät entdeckt werden kann.

Auch wenn ein Schwangerschaftsdiabetes in den meisten Fällen sehr symptomarm verläuft, gibt es doch immer gewisse Anhaltspunkte nach denen man sich richten kann. Dazu zählen:

  • eine erhöhte Neigung zu Harnwegsinfekten
  • schnelles Wachstum des Kindes
  • Spannungsschmerzen im Bauch durch Veränderung der Fruchtwassermenge
  • Übermäßige Gewichtszunahme der werdenden Mutter
  • erhöhter Blutdruck
  • gerade in den ersten Monaten vermehrtes Erbrechen

Sollte die werdende Mutter eins oder mehrere der oben genannten Symptome bei sich beobachten, lässt sich ein eventueller Schwangerschaftsdiabetes leichter und sicherer durch eine Blutuntersuchung feststellen.

 

Eiweiß

Auch eine geringe Menge Eiweiß im Urin ist in der Schwangerschaft nicht ungewöhnlich. Gerade im letzten Drittel der Schwangerschaft wird über die Nieren, genauso wie Zucker auch vermehrt Eiweiß im Urin ausgeschüttet.

Vermehrt Eiweiß im Urin kann zwar auch ein Hinweis auf eine Präeklampsie (eine so genannte Schwangerschaftsvergiftung) sein, jedoch sagt der Eiweißgehalt allein rein gar nichts aus.

Eine Präeklampsie ist eine ernst zu nehmende und durchaus gefährliche Erkrankung. Sie kann bei der werdenden Mutter nicht nur die Blutgerinnung stören, sondern auch die Nieren, die Lunge wie auch das Gehirn nachhaltig schädigen. Auch für das Kind kann eine Präeklampsie tödliche Folgen durch z. B. Sauerstoffmangel haben. Eine Präeklampsie tritt bei 2 bis 5 % aller Schwangerschaften auf.

Erste Anzeichen einer Präeklampsie sind

  • ein erhöhter Blutdruck ( über 140 zu 90)
  • weniger Urin
  • vermehrte Flüssigkeitseinlagerungen im Gesicht, Händen und Füßen
  • starke Gewichtszunahme (mehr als 1 Kilo pro Woche)
  • Kopfschmerzen

Ein Symptom alleine ist noch keine Schwangerschaftsvergiftung. Erhöhten Blutdruck oder Wassereinlagerungen haben viele Frauen gerade gegen Ende der Schwangerschaft recht häufig. Unbedingt zum Arzt sollte die werdende Mama, wenn mehrere Symptome gleichzeitig auftreten.

Treten zu den oben genannten Symptome weitere auf, ist dies durchaus ein Hinweis auf eine Lebensbedrohliche Erkrankung und die werdende Mutter sollte sofort in ein Krankenhaus gebracht werden:

  • Schwindel
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Verwirrtheit
  • Schläfrigkeit
  • Lichtempfindlichkeit

 

  • Krampfanfälle bis hin zum Koma weisen auf eine Eklampsie hin
  • Schmerzen im rechten Oberbauch sind ein Hinweis auf ein HELLP Syndrom

Beide Syndrome sind seltene aber extrem lebensbedrohliche Formen der Präeklampsie und erfordern eine sofortige intensivmedizinische Betreuung und die Beendigung der Schwangerschaft.

Auch wenn mit diesen Erkrankungen wirklich nicht zu spaßen ist, wird ihnen durch eine Urinuntersuchung auf Eiweiß weder vorgebeugt, noch werden sie schneller erkannt. Im Gegenteil kann eine unauffällige Urinuntersuchung die Frau in Sicherheit wiegen wodurch sie unter Umständen später auf Symptome reagiert. Viel wichtiger als eine Urinuntersuchung ist das Wissen von diesen Krankheiten und deren Symptome.

Dazu kommt, dass der Eiweißgehalt im Urin durch Stress, körperliche Aktivität oder auch Kälte beeinflusst wird. Daher wird die Sicherheit des Tests zur Feststellung von Eiweiß im Urin mittlerweile als gering eingestuft.

 

Leukozyten

Stark erhöhte Leukozytenwerte, insbesondere gegen Ende der Schwangerschaft sind völlig normal und kein Grund zur Sorge. Sie weisen lediglich darauf hin, dass der Körper der Mutter vermehrt weiße Blutkörperchen bildet um das Baby vor Bakterien und Viren zu schützen.

Aufgrund dieser Überproduktion der weißen Blutkörperchen, baut der Körper diese über die Niere ab. Dies kann die werdende Mutter sehr gut ohne Urinuntersuchung an kleinen weißen Flöckchen im Urin erkennen.

Um Komplikationen bei Mutter und Kind zu vermeiden und im Ernstfall rechtzeitig behandeln zu können, sollte die Frau eine zusätzliche Untersuchung machen lassen, wenn zu den kleinen Flöckchen größere feste Stücke kommen. Dies geschieht in den meisten Fällen, wenn die Überproduktion selbst über das normale Maß in der Schwangerschaft hinaus geht.

Das kann ein Hinweis auf gefährliche Erkrankungen der Mutter sein wie  zum Beispiel

  • virale Infektionen
  • Autoimmunkrankheiten
  • Krebserkrankungen
  • im Körper befindliche Entzündungen

Komplikationen und Risiken

An sich gibt es bei der Urinuntersuchung keine gesundheitlichen Risiken oder Komplikationen, jedoch lässt sich wie oben erläutert, keine der Krankheiten die damit erkannt werden sollen wirklich früh genug und eindeutig erkennen.

Eine große Gefahr besteht meiner Meinung nach darin, dass Mütter sich mit einer unauffälligen Urinuntersuchung in Sicherheit wiegen und so ernst zu nehmende Symptome nicht frühzeitig erkennen.

Wie bei allem ist es auch bei der Urinuntersuchung wichtig abzuwägen. Wenn eine Mutter sich mit diesen Untersuchungen wohler fühlt, spricht nichts dagegen sie zu machen. Einer anderen Mutter kann diese immer wiederkehrende Untersuchung allerdings mehr Stress und Unsicherheit als Nutzen bringen.

Egal wofür die Frau sich entscheidet, sollte sie auf jeden Fall im Kopf behalten, dass alle erwähnten Krankheiten und Komplikationen extrem selten sind und die allermeisten Schwangerschaften komplett gesund verlaufen und sollte gleichzeitig im Ernstfall wichtige Symptome erkennen können.

Dann steht einer entspannten Schwangerschaft fast nichts mehr im Weg.

Alles Liebe eure

Nina

 

Quellen:

https://www.frauenaerzte-im-netz.de/de_praeeklampsie-krankheitsbild_881.html#HELLP

http://www.diabetes-heute.uni-duesseldorf.de/wasistdiabetes/?TextID=1808

https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/07…/gabriel_seminar.pdf

Buch Schwangerenvorsorge durch Hebammen

Buch Erkrankungen in der Schwangerschaft

 

 

 

 

 

 

 

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1 comment / Add your comment below

  1. Danke für diesen informativen Artikel 🙂 die gleichen Stäbchen, mit denen der Gyn die Tests macht, kann man übrigens auch in der Apotheke kaufen und bei Bedarf selbst testen. Bei Harnwegsonfektion gleich Antibiotikum finde ich wie mit Atombomben auf Spatzen schießen 🙈 ich habe das Gefühl dir viele Ärzte ist AB gar kein ernstzunehmendes Medikament mit Nebenwirkungen sondern eher wie Salzwassernasenspray 🙄 ich bin nun bei SSW 28 und auch nicht sicher, ob ich noch weitere Vorsorgen wahrnehme, ich merke da immer mehr Widerwillen. Daher freue ich mich auch sehr auf und über deine Serie 😊

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