Late Talker – was ist das?

Warum wir aufhören sollten unsere Kinder zu pathologisieren

Late Talker – was ist das? Warum werden schon Babys und Kleinkinder in Schubladen gesteckt? Warum darf ein Kind nicht einfach ein Kind sein?

Ist es denn tatsächlich so wichtig wann ein Kind läuft, spricht, isst oder auszieht?

Was ist normal?

Warum werden Kinder heute von Geburt an pathologisiert? In Deutschland, wie auch den meisten anderen Ländern, geht man grundsätzlich davon aus, dass ein Kind krank ist oder mit ihm zumindest etwas nicht stimmt, wenn es in irgendeiner Hinsicht nicht der Norm entspricht. Aber was überhaupt ist die Norm? Wer hat diese Norm definiert ?

Wir könnten uns mal eine Scheibe bei den Niederländern abschneiden. Dort gilt ein Kind nämlich grundsätzlich als gesund, solange das Gegenteil nicht einwandfrei bewiesen wurde.

20 Prozent der Kinder sind angeblich nicht normal

20 Prozent der Kinder in Deutschland werden als sogenannte Late Talker bezeichnet. Wenn ein Kind mit 2 Jahren keine 50 Wörter sprechen kann, zählt es per Definition zu den „späten Sprechern“.  Die Hälfte von Ihnen holt von allein auf, die andere Hälfte wird ohne Hilfe immer sprachliche Defizite haben (sagt man).

Aber woher will man das denn wissen, wenn man es ja gar nicht darauf ankommen lässt? Ich bin wirklich kein verfechter von „früher war alles besser“,wir haben vieles an dem heutigen bedürfnisorientierteren Umgang mit Kindern, wissenschaftlichen Studien zu verdanken. Aber in diesem Fall muss ich es doch mal sagen: Früher wurde auch nicht jedes Kind, dass sprachlich nicht der Norm entsprach zum Logopäden, in einen integrativen Kindergarten oder sonst wohin geschickt und dennoch können die allermeisten Erwachsenen ganz normal sprechen.

Niemand würde bei einem Kind, dass mit 10 Monaten schon mehrere Wörter spricht, sagen: „Ohje, das ist viel zu früh, da müssen wir doch was machen!“

Wer sagt denn überhaupt, dass Kinder die mit 2 Jahren nicht die geforderten 50 Wörter sprechen wirklich spät dran sind? Wenn es doch 20 Prozent der Kinder betrifft, ist es dann nicht viel wahrscheinlicher, dass es nur eine andere Variante der Norm ist? Ähnlich der Größe und dem Gewicht eines Kindes?

Ist es nicht vollkommen absurd, eine Wörterliste abzufragen, weil man der Meinung ist, Kinder müssten in einem bestimmten Alter auch bestimmte Wörter sprechen? Was ist, wenn in der Familie, aus welchem Grund auch immer, nie Ball gespielt wird und das Kind daher auch noch nie einen gesehen hat? Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind das Wort Ball sagen kann, ist in diesem Fall gleich Null. Oder wenn bestimmte Wörter die zwar normaler, alltäglicher Sprachgebrauch sind, in einer Familie einfach nicht genutzt werden? Was sagt das dann über die sprachlichen Fähigkeiten des Kindes aus? Richtig, rein gar nichts.

Was Kinder können ist nicht wichtig, nur was sie nicht können zählt

Entwickelt sich ein Kind durchschnittlich ist alles gut, alle sind zufrieden und stolz, aber wehe ein Kind fällt auch nur in einer einzigen Sache aus dem Rahmen …

Obwohl wir Erwachsenen auch nicht alle das Gleiche gleich gut können, wird das von Kindern sehr wohl erwartet.

Das Kind kann krabbeln und stellt sich hin, es läuft frei, läuft Treppen hoch und runter,  hüpft auf dem Trampolin und versucht zu schwimmen, löst Memories und versteht jedes einzelne Wort, ist sehr empathisch, glücklich und wahnsinnig ausgeglichen, schneidet Obst und Gemüse, schmiert sich Butter aufs Brot und isst Suppe perfekt mit dem Löffel.

Aber das ist alles vollkommen egal und zählt nicht. Warum? Ganz einfach. Es spricht nicht, das Kind kann nicht normal sein.

Mein Sohn sagt mit 2 ½ Jahren in etwa 20 Wörter

und ist von Zwei-Wort-Sätzen meilenweit entfernt. Es liegt nicht an den Ohren, er hört super und versteht auch jedes Wort und kann umsetzen was man sagt.

Eltern und Kinder werden in Schubladen gesteckt

Er ist zurückgeblieben und braucht Frühförderung sagen die einen, die anderen sagen er wäre nur faul und ich müsste einfach von ihm verlangen zu sprechen. Wenn er nichts mehr zu essen bekommt, solange er nicht sagt was er will, wird er schon anfangen zu reden.

Wieder andere sagen, es wäre meine schuld, ich hätte mich bestimmt nicht genug um mein Kind gekümmert, rede zu wenig mit ihm, spiele nicht mit meinem Kind und habe es bestimmt von klein auf vor dem Fernseher geparkt.

Und weißt du was?

Ja, mein Sohn sitzt schon mal vor dem Fernseher und ja, ich nehme mir auch mal die Zeit einen Kaffee zu trinken, während er sich alleine beschäftigt.

Aber ich erzähle und singe auch seit seiner Geburt jeden Tag, ich erkläre ihm die Welt und lese ihm vor, das eine schließt nämlich das andere nicht aus.

Ich unterhalte mich auch mit ihm, denn ich verstehe ihn durchaus, auch wenn seine Artikulation zum Großteil aus ja, nein, Mama und Papa besteht. Und nein, ich werde niemals so tun als würde ich es nicht, nur damit er endlich zum reden anfängt.

Er kann es einfach nicht, noch nicht

Denn mein Kind ist nicht faul und nein, mein Kind ist auch nicht dumm, er kann es einfach nicht, noch nicht. Er ist nunmal momentan mit anderen Dingen beschäftigt. Erwachsene können auch nicht mehrere wichtige Dinge gleichzeitig lernen. Irgendwann ist die Sprache dran und dann wird es genau den Leuten, die jetzt meckern, dass er nicht spricht, ein Dorn im Auge sein, dass er zu viel spricht.

Denn man kann es Außenstehenden nicht recht machen, sie finden immer etwas.

Aber man kann es seiner Familie und seinem Kind recht machen. Indem man sieht was es schon kann und nicht was es noch nicht kann. Indem man stolz ist wenn es mit 8 Monaten aufsteht und genauso wenn es mit 3 Jahren zu sprechen anfängt.

Denn unsere Kinder sind keine Statistiken , keine Normkurven und auch kein Durchschnitt.

Unsere Kinder sind unsere Kinder und jedes ist auf seine eigene Weise etwas ganz Besonderes.

 

 

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